Prince of Denmark – 8 Review

So wenig über den Mensch hinter den Pseudonymen Prince of Denmark , Traumprinz und DJ Metatron bekannt ist, umso mehr spricht seine Musik für ihn. Sein zweites Album als PoD mit dem Titel „8“ ist ein Mammutwerk mit 23 Tracks auf 8 Vinyls und 3 Stunden Spielzeit, veröffentlicht auf dem Giegling Sublabel Forum. Auf dem Album sind einige Tracks aus seinen schon etwas älteren Podcasts für Smokemachine und Planet Uterus verewigt, sowie 9 neue Tracks zu finden. Das ist alles, was vor dem Release bekannt war.

Wer seine Podcasts kennt, weiß worauf er sich eingelassen hat, als er die LP für nicht wenig Geld ohne Hörproben bestellt hat. Die Albumhülle ist einem Hardcover-Buchdeckel nachempfunden; das Material ist vermutlich Pappkarton mit Baumwolle bespannt. Das reduzierte Artwork in schwarz/weiß ist wie bei Giegling gewohnt schnörkellos.

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Konsequent wie in vorherigen Werken ist Dualität und die spirituelle Welt omnipräsentes Thema. Das Cover ziert der Albumtitel, die liegende 8, die Möbiusschleife, das Symbol für Gleichgewicht und Regeneration, Unendlichkeit. Im Innern ein vierseitiges illustriertes Booklet mit spiritueller Symbolik: Das Weltenei und die Schlange als Symbol der Schöpfung, Hüterin der Schwelle ins Jenseits. Die sich selbst in den Schwanz beißende Schlange (Weltenschlange) symbolisierte den Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Ein Ende ist gleichzeitig der Anfang etwas Neuen. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Entstehen, Vergehen.

Die 8 Scheiben sind schon optisch getrennt durch 4 schwarze und 4 weiße Sleeves. Teil I repräsentiert die materielle Welt, wo die unsterblichen Seelen an einen sterblichen Körper gebunden sind. Hier ist der Ort an dem ein innerer Kampf in uns ausgefochten wird zwischen der dunklen Seite (Ego, Konditionierung, animalische Instinkte) – und dem Göttlichen Licht (die Suche nach Sinn, Liebe, Erleuchtung und dem Erkennen unserer Herkunft), verkörpert durch Teil II des Albums. Im ersten Teil dominieren funktionaler und verspulter Vorwärts-Techno. So wird der kräftezehrende Kampf gegen die inneren Dämonen verkörpert: das Verlangen nach Anerkennung, Sex, Besitztümern (Desire) und dem unweigerlich damit verbundenen Elend (Miseri).
Diese beiden Tracks bilden den Rahmen für den ersten Teil der Reise. Den Vortritt haben allerdings die Tracks auf Seite A (Intro, Opening Dance), die als Prolog anzusehen sind, und auf Seite B ein Tribut an BASIC CHANNEL mit der Dubtechno-Backpfeife Neoclassicdub.

Die in Desire erzeugte Atmosphäre macht dem Titel alle Ehren. Eine pumpende Bassdrum wirkt anregend. Das dominante repetitive Sample, dessen Ursprung man kaum zu ergründen vermag, wirkt zu gleich geheimnis- und verheißungsvoll. Die extatischen Vocals tun ihr Übriges. Neurobell kreiert eine energiegeladene berauschende Spannung mit vielen Ausgangsmöglichkeiten, wie ein Tanz am Abgrund.
Auf der D-Seite entlädt sich die Spannung mit dem chaotischen Schiebe-Techno-Monster Latenightjam. Der Track wirkt wie ein Wahnzustand. Verstörend, verwirrend und gewaltsam treibend. Als Kontrast gewährt das munter-erquickliche Tool 517 eine kurze Erholung vom High-Energy-Input der vorherigen Tracks. Zweiter Track auf der Seite 0R6145 ist ein sich in den Gehörgang schraubender Durchhalteloop, der klingt wie ein verzfeifelter Versuch nach dem Ergründen der Realität wie nach dem Peak eines schlechten Trips.

Zu fünf Tracks existieren alternative Interpretationen. Auf der F-Seite gibt es gleich zwei davon. Hier bilden das Interlude und der Darkspirit eine thematische Einheit. In meiner Version bereitet das dubtechnoide Interlude den Weg für die Bewschwörungsformel des Darkspirit mit seiner toll inszenierten Orgel und Pads, die einem murmelnden Sprechchor nachempfunden sind. In der Alternativfassung erinnert düsteres Gewimmer und Stöhnen einer Frauenstimme im Interlude an dämonische Besessenheit, während die Präsenz des Darkspirit mit seiner fünfschlägigen Snare und dem filtergemorphten Synthpad Gefühle grausamen Martyriums und Verzweiflung weckt. Diese Seite verkörpert den Abfall vom Glauben. Eine verlorene Seele auf Ewigkeit verdammt dazu sich vom Leid anderer zu ernähren.

Das mechanische Technotool Cut 06 arbeitet auf Seite G vor sich hin. Zwei Versionen gibt es davon. Eine aus dem Smokemachine Podcast und eine von Planet Uterus. Beide fantastische Tracks, wobei doch mit Abstand mein persönlicher Favorit die PU-Version ist. Ein gigantisches Stück Big-Room-Techno. Auf der Gegenseite kommt Miseri entgegen dem Titel als extrem ausgelassen und fröhlicher After-Hour-Sound daher und lockert die Runde der düsteren Stücke auf. Once with a smilemarkiert als letzter Track von Teil I den Wendepunkt. Diese außerirdischen Klänge: monumentale Kirchenglocken, bedrohliches Stampfen, geisterhaftes Flüstern und schamanistische Percussion geben den ersten Einblick in die noch unbekannte Welt. „Once the buddah smiled. And by the wonderous radiance of that smile were countless worlds illuminated. But there came a voice saying: ‚It is not real, It cannot last!‘ …And the light passed“. In diesem Satz steckt viel drin. Der Zweifel am göttlichen Wirken lässt das Licht Buddahs erlöschen. Ein Hinweis darauf wie wichtig der Glaube ist um entweder Berge zu versetzen oder uns in Form dogmatischer Selbstbestätigungsmantras zu beschränken. Bevor man eine neue Realität erkennt, muss man offen dafür sein und es zulassen.

In Teil II öffnen die mystisch-hypnotischen und sakralen Themen das Tor in eine etherische Parralelwelt. Mit Mentalbeam wird man sich in einen Strudel reingezogen. Der Track entfaltet eine unheimlich starke Sogwirkung. Zusammen mit Squidcall symbolisiert er das Abstreifen der menschlichen Hülle. Durch den Hyperraumtunnel führt der Weg in die vergessene Welt, wo sich Zeit und Raum auflösen und nur noch reines Bewusstsein existiert.

Bevor die zwei Ambient Tracks Ambient004 und Peace ihr friedliches Angekommensein im Schoß der Schöpfung ausstrahlen können, bringt GS als bekanntester Floorkracher der Sammlung dazwischen nochmal richtig Bewegung rein. In zwei Interpretationen bereitet Pulsierendes Leben die Stimmung für die ganz tiefen Tracks vor. Einmal als ein 19-minütiges von Efdemin beeinflusstes beruhigendes Synth-Wabern oder ein neugierig lebendiges Sprudeln.

Titel- und Thematrack 8 fühlt sich im besten Sinn an wie eine Endlosschleife. Die Gefilterte Kick klingt nach einem Herzschlag. Ein pulsierender Synth und die choralen Gesänge vom andern Stern versetzen einen in friedliche Trance. Sie lassen einen die Körperschwere vergessen und für eine kleine Ewigkeit schweben. Planet Uterus schließt daran an, aber klingt dabei eher wie eine Momentaufnahme. Es schwingen dabei Verstehen, Akzeptanz und Frieden mit. Großartige Tracks. Hier kommt die Alternativversion von Planet Uterus mit den sparsamen Pianoklängen nicht ganz an die wirklich himmlische Pad-Version heran, aber findet sicherlich auch seinen Platz.

Nachdem die Seele durch den kosmischen Waschgang gelaufen ist, wird nun Zeit für den Beginn eines neuen Zyklus. Mit seinem unbeholfen wirkenden arythmischen Klimpern hebt 88888888 die Stimmung gekonnt auf und entlässt uns aus diesem musikalischen Trip. Man hat das Gefühl als schutzbedürftiges Baby die Welt wieder mit frischen Augen und Ohren kennenzulernen.

Der unbetitelte Abschlusstrack bildet den Epilog. Er lässt uns noch einmal Revue passieren und die Stimmung mit seiner rollenden Bassdrum tief einsinken.

Alle Finesse des Künstlers kommt in diesem Album zusammen:

  • Abgefahrene Cuts und Tools mit komprimierter Emotion und Drive.
  • Herrlicher Stoff für introspektive Reisen und Tagträumerei.
  • Eine Trackabfolge wie es sich für ein Konzeptalbum gehört: Hier wird eine Geschichte erzählt.

Die Clubtauglichkeit und Funktionalität vieler Tracks ist dabei aber eine definitive Aufforderung dieses Kunstwerk nicht im Schrank verstauben zu lassen. Die Pressung ist gut und die Produktionsqualität wie gewohnt verzaubernd. Die vielen kleinen Details, absichtliche Unsauberkeiten, die Akzentuierung und das Timing der Elemente wirken wie eine kleine Narbe oder Muttermal in einem Gesicht. Sie verleihen den Tracks eine unverwechselbare, lebendige Persönlichkeit. So wie auch die Mischung der Alternativtracks jedem ein individuelles Album beschert.

Seine Musik hat noch nie enttäuscht mich in einzigartige Stimmungen zu versetzen. Sie ist ein Ticket für eine Reise in eine andere Welt, auch ohne Substanzeinnahme oder Nahtoderfahrung.

Es gibt sicher wieder Leute, die monieren es seien zu wenig neue Tracks drauf, oder sie hätten Einzelreleases favorisiert und und und… Aber man kann es auch als das sehen, was es ist: Ein Konzeptalbum als gewählte Ausdrucksform. Eine längst überfällige Leistungsschau. Ein Meisterwerk, das ein Stück Musikgeschichte schreiben wird.

Link zu Youtube: Prince of Denmark – 8

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